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Ein Blick hinter die Kulissen einer Literaturausstellung und darüber hinaus: In unregelmässigen Abständen vertiefen Autor:innen, Studierende und weitere Beteiligte in diesem Blog ausgewählte Inhalte der Galerie Litar. Ein vielstimmiger Raum, wo die verschiedenen Fäden einer Ausstellung zusammenlaufen.
Schillernde Blasen
Friedrich Glauser – Nando von Arb
Rede von Karl Wagner zur Eröffnung der Ausstellung «Schillernde Blasen», Galerie Litar, 04.09.2026. Foto: Jairo N'tango.
Rede auf Friedrich Glauser
Zur Eröffnung der Ausstellung «Schillernde Blasen», Galerie Litar Zürich, 4. September 2026
Von Karl Wagner
Friedrich Glauser weist eine der kompliziertesten Lebensgeschichten auf, die im zwanzigsten Jahrhundert möglich waren. Die schiere Menge der Daten zu seinem Leben reicht noch lange nicht hin, um eine anspruchsvolle Biographie zu verfassen. Wer, wie Glauser, ein Fall für die Psychiatrie und obendrein der Justiz wird, bringt es zwar zu einer Lebensgeschichte, die lückenloser dokumentiert ist als etwa eine literarische Laufbahn. «Das dauert zu lang, diese Lebensgeschichte, und ausserdem steht sie ja in den Akten, und meine Akten wiegen 5 1/2 Kilo», heisst es in Glausers Erzählung «Aussenseiter». Für seinen ersten Kriminalroman wollte Glauser schon mit dem Titel «Schlumpf Emil Mord» eine Fallgeschichte anzeigen, konnte sich aber gegen den Titel «Wachtmeister Studer» beim Verlag nicht durchsetzen.
Das Genre Fallgeschichte unterhält vielfach verzweigte, auch verborgene Verbindungen, zum Beispiel zum Kriminalroman, der zu Glausers Markenzeichen wurde. Die Fallstudie war aber auch für eine angehende, sich als Wissenschaft präsentierende Disziplin wie die Psychoanalyse ein probates Genre, allerdings mit dem selbst Freud verblüffenden Resultat, dass die «Krankengeschichten», die er schreibt, wie Novellen zu lesen sind und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren.» (Studien über Hysterie, 180). Tatsächlich erinnern die Gesprächsprotokolle der Krankengeschichten an Verschriftlichungen einer «talking cure», welche Bezeichnung von einer der berühmtesten Patientinnen Josef Breuers, Bertha Pappenheim, geprägt wurde.
Studers Interesse an den Wörtern, an den Gesprächen und insbesondere am Tonfall dieser Gespräche macht ihn zu einem Zeichenleser und Ohren-Philologen ganz besonderer Art. In einem Romandialog zwischen dem Wachtmeister Studer und seinem Gegenüber wünscht sich der «poetische Wachtmeister» diese Voraussetzungen für sein Handeln: «Ich brauch weniger die Tatsachen als die Luft, in der die Leute gelebt haben … Verstehst? So die kleinen Sächeli, auf die niemand achtgibt und die dann eigentlich den ganzen Fall erhellen … Hell! … Soweit das möglich ist, natürlich.»
Man könnte den Wachtmeister Studer als Verbündeten Michail M. Bachtins bezeichnen, dessen Theorie (und Lob) der Stimmenvielfalt des Romans zeitgleich unter der Herrschaft des autoritären Worts in der Sowjetunion ausgearbeitet (und also gleich unterdrückt) wurde. Es ist nicht auszuschliessen, dass diese zeitliche Koinzidenz einer Sensibilität für die Stimmenvielfalt einer vergleichbaren Erfahrung des Verhörtwerdens entspringt, die der Anstaltsinsasse Glauser und der in der Sowjetunion ideologisch verdächtige Bachtin in je anderer Weise gemacht haben.
Das fremde Wort in Glausers Texten befasst sich nicht nur mit dem Phänomen der Mehrsprachigkeit, wobei insbesondere durch die spezielle Familienkonstellation Reibungen und Annäherungen, Staunen und Aversion zwischen dem Schweizerdeutschen, dem Französischen und – prominent – dem Österreichischen anschaulich gemacht werden. Das betrifft den wienerischen Wortschatz (nur zum Beispiel: «Watschen», «Falott» (EW III, S. 90f.), österreichische, vor allem wienerische Redensarten (wie «da kannst nix machen, wie der Wiener sagt») und andere kommunikative Gesten. Eine kompliziert verzweigte Familienkonstellation, geographisch wie mentalitätsmässig in halb Europa zerstreut, wird durch den frühen Tod von Glausers Mutter und der zweiten Heirat des Vaters besonders schwierig.
Es ist nur konsequent, dass sich Glauser, nicht ohne Selbstironie, ein Wappentier wählt, das gegen die Störfälle des Lebens und Schreibens resistent zu sein scheint. «Ich sagte Ihnen schon […] ich bin ein Maulesel. Und […] Maulesel sind keine Idealisten. Maulesel fressen Gerste oder Hafer, so man ihnen gibt, sie sind genügsam, knabbern auch gerne an Disteln, und man würde es kaum glauben, wenn man ihre weichen Lippen fühlt, dass sie so stachlige Pflanzen verschlingen können. Sie wackeln manchmal mit den Ohren (das kann ich auch), und wenn sie ihre Depressionen haben, dann legen sie sich auf die Seite und lassen sich weder durch Fusstritte, noch durch wohlgemeinte Ermahnungen aus ihrer bequemen Stellung bringen.»
Zu diesem selbstironischen Bild des Künstlers als Maulesel gehört die Beobachtung, dass Glausers Schreiben eine Suchbewegung auszeichnet, die nur momenthaft an das erstrebte Ziel reicht. Glausers poetische Heimatsuche ist aufs Gelingen aus, aber sie widersetzt sich aller vorschnellen Harmonisierung.
Karl Wagner
Karl Wagner, *1950 in Steyr. Studium der Anglistik und Germanistik in Wien; seit 1976 Assistent, Dozent und Professor in Wien; von 2003 bis 2015 lehrte er Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich. Zahlreiche Publikationen und Editionen zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts; Werkauswahl: Weiter im Blues. Studien und Texte zu Peter Handke (2010); (Mit) Hg.: Moderne Erzähltheorie (2002, 2. Aufl. 2015); Robert Walsers «Ferne Nähe» (2008); Der Held im Schützengraben. Führer, Massen und Medientechnik im Ersten Weltkrieg (2014).